Heft 1 - Dringlichkeitsreihung für die Umrüstung der S-Bahnhaltepunkte mit Aufzugssystemen am Beispiel des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr

Heft 1 - Dringlichkeitsreihung für die Umrüstung der S-Bahnhaltepunkte mit Aufzugssystemen am Beispiel des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr

Autor: Heinz Rethage

Die vorliegende Untersuchung beschäftigte sich mit einer Dringlichkeitsreihung für die Umrüstung der Haltepunkte mit Aufzugsanlagen am Beispiel der S-Bahn im Bereich des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr unter besonderer Berücksichtigung behindertenspezifischer Belange. Gesamtziel dieser Untersuchung war die "Maximierung des verkehrlichen Nutzens".

Diesem Gesamtziel wurden die Oberziele:

  • Wirtschaftlichkeit
  • Allgemeine Komfortsteigerung
  • Verbesserung behindertenspezifischer Belange

zugeordnet.

Während für die Berücksichtigung der Oberziele “Wirtschaftlichkeit“ und “Allgemeine Komfortsteigerung“ auf bereits vorhandene Untersuchungsergebnisse zurückgegriffen werden konnten, rnussten für die Erfassung des behindertenspezifischen Oberzieles geeignete Daten ermittelt werden.

Hierzu wurden drei Teiluntersuchungen

  • Einstiegstest
  • Pilotprojekt
  • Verkehrsbefragung

durchgeführt.

Mit Hilfe der Untersuchungen am Bahnsteig und an einem Modell im Werklabor wurden die mobilen behinderten Personen, aufgrund ihrer körperlichen Fähigkeit die S-Bahn zu nutzen, gegeneinander abgegrenzt. Die Testergebnisse waren Grundlage für die bahnsteigspezifische Einteilung der behinderten und älteren Personen in drei Gruppen von Schnellbahnverkehrsbehinderten (SVB I bis III). Während es den SVB I und II, wenn auch teilweise mit erheblichen Schwierigkeiten, möglich ist, die S-Bahn zu nutzen, können die SVB III dieses Verkehrsangebot zur Zeit nicht annehmen.

Für die Berücksichtigung der speziellen Belange der SVB III in der Dringlichkeitsreihung stellte sich die Frage nach der grundsätzlichen Annahmebereitschaft dieser Personengruppe für das neue Verkehrsangebot. Dazu ist unter Federführung der Deutschen Bundesbahn ein Experiment in Form eines Pilotprojektes mit dem Ziel durchgeführt worden, dem angesprochenen Personenkreis die Benutzung der S-Bahn im Bereich des VRR schwerpunktmäßig zu ermöglichen. Gleichzeitig haben die karitativen Dienste auf den beteiligten Bahnhöfen eine Vollerhebung mit einer Befragung durchgeführt. Diese spezielle Untersuchung hat ergeben, dass die Frage nach der Annahmebereitschaft der S-Bahn von Personen mit vorhandener Fähigkeit zur aushäusigen Mobilität grundsätzlich positiv zu beantworten ist. Daher wurden die Belange der SVB III in der Dringlichkeitsreihung mitberücksichtigt.

Bei der Verkehrsbefragung wurden die drei definierten Personengruppen mit Schwierigkeiten bei der Benutzung der S-Bahn (SVB I bis III) zahlenmäßig erfasst. Dazu wurden die Merkmale, die zur Beschreibung des Verkehrsverhaltens dieser Personen dienen, ermittelt. Dies sind einerseits Merkmale der Ortsveränderungsfolge, die Zahl der aushäusigen Aktivitäten, die Reisezwecke und das benutzte Verkehrsmittel. Außerdem wurden die Charakteristiken des gesamten Einflussfeldes, also die Merkmale der Person und ihres sozialen Bezugsfeldes sowie des Wohnumfeldes, erfasst. Zur Ermittlung dieser Untersuchungsgegenstände kam eine Repräsentativerhebung in der Stadt Bochum zur Anwendung. Die Haushaltsbefragung wurde als Stichprobenerhebung mit einem Haushaltsanteil von 1,1 % (brutto) vorbereitet. Die Rücklaufquote betrug 61,5 %.

Mit Hilfe des Datengerüstes der drei Teiluntersuchungen wurde eine Dringlichkeitsuntersuchung durchgeführt. Da das zugrunde gelegte Zielsystem heterogen war und den Baulastträgerkosten erklärtermaßen nicht die maßgebliche Bedeutung zukommen sollte, kam die Nutzwertanalyse zur Anwendung.
Mittels einer umfassenden Sensitivitätsanalyse wurde geprüft, inwieweit sich das Ergebnis durch eine extreme Variation der Gewichte verändert. Es hat sich gezeigt, dass sich eine stabile Dringlichkeit einstellt, wenn die Oberziele “Wirtschaftlichkeit“ und “Verkehrsaufkommen“ in einem Gewichtungsbereich von jeweils 10 bis 25 Prozent lagen. Keine wesentliche Veränderung der Platzierung ergab sich durch die differenzierte Betrachtung der Gruppen SVB I bis III, so dass sich die Berücksichtigung des behindertenspezifischen Oberzieles auf die Erfassung der spezifischen Quell- und Zielattraktivitäten reduzieren lässt.

Im Ergebnis kommt es für 16 der 25 betrachteten Haltepunkte zu einer stabilen dreistufigen Dringlichkeitsreihung. Die Stufe I besteht ausnahmslos aus den Hauptbahnhöfen der beteiligten Städte. Die Haltepunkte der Stufe II setzen sich aus Unterzentren und Sondereinrichtung behindertenspezifischer Bedeutung zusammen. Die Stufe III setzt sich aus Haltepunkten zusammen, für die sich gemäß dem Zielsystem eine untergeordnete Bedeutung ergeben hat. Die verbleibenden 9 S-Bahnstationen liegen je nach Gewichtung des Entscheidungsträgers zwischen der Stufe II und III.

Abschließend wird darauf hingewiesen, dass eine solche Dringlichkeitsreihung, die mit empirisch ermittelten Daten durchgeführt wurde, nur eine Entscheidungshilfe darstellt, nicht aber eine Entscheidung ersetzen kann.